Personalführung mal anders: Julius Möbel in Overath geht gerne neue Wege

02.07.2019
Personalführung mal anders: Julius Möbel in Overath geht gerne neue Wege

„Bitte denkt daran, das Geld für unsere Schlauchboottour im September zu bezahlen!“ Die Erinnerung für die Mitarbeiter steht in großen handgeschriebenen Buchstaben auf einem Zettel, der gut sichtbar für alle an eine der grünen Küchentüren im Aufenthaltsraum von Julius Möbel geklebt ist. „Diese Schlauchboottour ist überhaupt nicht auf meinem Mist gewachsen“, sagt der Chef der Tischlerei Julius Möbel, Jörg Julius Kapune, „da lag hier morgens plötzlich der Zettel aus 'Wer macht mit?' Aber das ist ja so schön daran: Irgendwann entwickelt sich das von alleine.“ Was sich da in Overath entwickelt hat in den letzten Jahren, ist ein funktionierendes Team mit zufriedenen Mitarbeitern, die Spaß an ihrer Arbeit haben. Dass die Mitarbeiter auch in ihrer Freizeit noch Zeit mit den Kollegen verbringen wollen und gemeinsam auf Schlauchboottour gehen, ist dafür nur ein Beispiel.

Das war aber nicht immer so, sagt Kapune: „Ich habe hier gerade eine Truppe zusammen, mit der kann ich Häuser versetzen – daran habe ich aber jetzt auch fünf Jahre lang gearbeitet.“ Damals hat er gemerkt, dass es nicht mehr so richtig läuft, „sowohl an den Krankenzeiten, als auch an der Mitarbeiterstimmung.“ Für Kapune der Moment, an dem er begonnen hat, umzudenken: „Gerade als wir im Betrieb überlastet waren, habe ich mich als Chef selbst sehr gut kennengelernt und zwar auch, indem ich nicht mehr gut geführt habe. Für mich muss ein Chef absolute Ruhe und Souveränität ausstrahlen und das überträgt sich dann auch auf die Mitarbeiter.“ Kapune lacht: „Und das ist der ganze Trick bei der Sache.“

Jörg Julius Kapune mit den Projektleitern ⁢Viola Schumann,  ⁢Christian Schwan (2. Reihe)
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Jörg Julius Kapune mit den Projektleitern
Viola Schumann,  Christian Schwan (2. Reihe)
und Patrick Scheilz

Für diesen Prozess hat der Tischlermeister über die Jahre an vielen Schräubchen gedreht: Ein Punkt ist Flexibilität bei den Arbeitszeiten oder auch bei Überstunden und Urlaubsplanung: „Ich musste damals noch kündigen, als ich eine Weltreise machen wollte. Für meine Mitarbeiter versuche ich, alles möglich zu machen. Wer es frühzeitig anspricht, dass er reisen möchte – ja, warum denn nicht?“ Daneben hat Kapune monatliche Mitarbeiterbesprechungen eingeführt, wöchentlich gibt es eine Besprechung mit seinen drei Projektleitern, seiner Führungsriege.

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Dabei zentral: Offenheit und Transparenz – die macht auch vor den Investitionen nicht halt. Die Planzahlen für das kommende Jahr werden offen besprochen, Kalkulationen mit den Mitarbeitern zusammen gemacht: „Die können doch häufig viel besser einschätzen, wie lange sie für eine Sache brauchen, weil sie in der Praxis sind.“ Das fördert dann auch gleichzeitig das kaufmännische Verständnis der Mitarbeiter. Zusätzlich kann Kapune vor allem jungen oder neuen Kollegen auch mal mehr Zeit einräumen: „So hat eine junge Meisterin, die hier anfängt und noch gar keine Berufserfahrung hat, eine viel größere Chance, Fuß zu fassen, weil wir dahingehend kalkulieren können. So plant man mal für ein Projekt vier bis fünf Stündchen mehr ein. Die Kollegin hat mehr Zeit und nicht so einen Druck und es rechnet sich immer noch.

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Und wer sich bewährt, bekommt dann auch vom Chef persönlich ein Lob. „Das ist mir sehr wichtig“, bekräftigt Kapune, „dann gibt es auch mal einen kleinen Obolus oder einen Gutschein zum Essen.“ Bei Julius Möbel gibt es sogar schriftliche Lobkärtchen, die sich die Mitarbeiter gegenseitig auf den Arbeitsplatz legen können. Jörg Julius Kapune schmunzelt: „Das ist ja im Handwerk jetzt nicht so üblich. Vielleicht würde der ein oder andere auch denken: In was für einem Kindergarten bin ich denn hier gelandet? Aber das ist mir egal! Wir machen hier unser eigenes Konzept und das passt alles zusammen.“

Das Team von Julius MöbelBild vergrößern
Das Team von Julius Möbel

Und der Erfolg gibt Kapune recht. Im August arbeiten 19 Mitarbeiter bei Julius Möbel in Overath, zusätzlich hat der Betrieb 50 Praktikanten pro Jahr, aus denen die Tischlerei ihre späteren Lehrlinge zieht. Und schon die jungen Mitarbeiter arbeiten eigenverantwortlich. Denn dass die Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz mitgestalten können, gehört für Kapune zur Wertschätzung dazu – für ihn das A und O in der Personalführung. „Wir schauen in der Projektleitung immer, ob eventuell jemand noch mehr Verantwortung übernehmen möchte“, sagt der Chef, „meine Aufgabe ist es, zu erkennen, wie man die Mitarbeiter motiviert und wo man sie an die richtige Stelle setzt. Dazu ist häufig Fingerspitzengefühl nötig. Das übe ich jeden Tag aufs Neue.“ Die größte Projektgruppe bei Julius Möbel wird übrigens von einer Frau geführt.

Und wenn die Mitarbeiter dann über Jahre im Betrieb bleiben, weil sie sich wohlfühlen, ist das für Jörg Julius Kapune die Kür. Er unterstützt bei Studium oder Meisterschule, gibt den jungen Kollegen die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Dass dazu aber auch das Loslassen gehört, musste der Chef selbst noch lernen: „Wir als Chefs können nicht mehr so denken, dass da einer von der Lehre bis zur Rente im Betrieb bleibt. Man darf auch keinem böse sein, der sich mal verändern will und geht. Auch wenn sich jemand selbstständig macht, können da ganz neue Synergien entstehen. Das musste ich als Chef aber auch selber erst mal begreifen.“

Und woher nimmt Jörg Julius Kapune selbst seinen Input? Durch die stetige Kommunikation mit seinen Mitarbeitern, aber vor allem auch durch den Austausch mit anderen Unternehmern, sagt der Tischlermeister. Auch als Chef sei man in einem permanenten Lernprozess. Dabei hilft ganz klar auch die "Unternehmenswerkstatt XXL" der RBW, bei der Unternehmen lernen, ihre eigene Arbeitgebermarke zu entwickeln, sagt Kapune: „Die haben dort einfach gute Ideen. Man beschäftigt sich mit den unterschiedlichsten Themenbereichen und spiegelt es natürlich sofort auf seinen Betrieb. Ich habe mir viele Anregungen geholt, wo ich dachte: Das Thema spreche ich demnächst mal in der Monatsbesprechung an.“

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Sich ein Expertennetzwerk aus guten Unternehmern aufbauen und dort Probleme offen ansprechen und sich austauschen, das kann Kapune nur allen anderen Betrieben raten. „Da lernt man einfach ganz viel und im nächsten Schritt kann man sich dann fragen: Was will ich denn eigentlich und was ist meine Unternehmensphilosophie? Dann weiß man als Chef auch irgendwann, welche Mitarbeiter man braucht.“
Denn ein erfolgreicher Betrieb, wie Julius Möbel in Overath, lebt von guten, zufriedenen Mitarbeitern. Letztendlich sitzen doch alle in einem Boot – und wenn es richtig gut läuft, ist es irgendwann sogar ein Schlauchboot.

Autorin: Nicole Schmitz
Fotos: Julius Möbel, Overath

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