Wanderreiten in Leichlingen - Entschleunigung zu Pferd

16.11.2021
Wanderreiten in Leichlingen - Entschleunigung zu Pferd

Zu Pferd durch die Natur hat für die Gäste des Wanderreitbetriebs Leide etwas von der Entdeckung der Langsamkeit. Damit solche Ritte tatsächlich sicher und entspannt für Reiter und Pferd werden, braucht es Zeit, Geld und viel Liebe für Pferd und Mensch. Ein Blick hinter die Kulissen eines ganz besonderen Kleinbetriebs.

Angelika Leide, Vigo und  Karin Tinkerman sind ein Team

Er ist Star und Maskottchen gleichermaßen: Der kräftige, bunte Maultiermann namens Vigo unterstützt seit fünf Jahren den Wanderreitbetrieb Leide in Witzhelden – häufig als Schlusslicht. Vigo ist ruhig, gelassen und konstant. Wenn er läuft, dann läuft er. Manchmal auch 30 Meter hinter der Gruppe. Das macht ihm keinen Stress und den Reitern auch nicht. Mit seiner Besitzerin Angelika Leide hat Vigo bereits mehrfach die Alpen überquert.

Im Rhythmus des Pferdes

Bei den Ritten, die der Wanderreitbetrieb Leide anbietet, geht es nicht um Geschwindigkeit. Es geht vielmehr um Genuss, um Zeit für das vielzitierte Seelenbaumeln, Zeit für den Einklang mit der Natur. Einfach nur Mitschwingen im Takt des Pferdes. Alles vergessen, was man noch unbedingt erledigen wollte. Im Hier und Jetzt sein. Manche, die mitgeritten sind, bezeichnen die Zeit auf dem Pferd in der Natur als „heilsam“.
„Pferde erden“, sagt Karin Tinkerman, die den Wanderreitbetrieb als Freiberuflerin unterstützt. Sie und Angelika Leide teilen sich Pferde und Arbeit. Die beiden Frauen kennen sich seit vielen Jahren, verbrachten viele Kilometer zu Pferd miteinander und zogen dabei die Kreise immer weiter. Aus der eigenen Passion entstand die Idee, das Wanderreiten auch anderen Menschen möglich zu machen. Angelika Leide gründete einen Kleinbetrieb, und beide Frauen stürzten sich in eine professionelle Ausbildung.

Die vier Säulen des Wanderreitbetriebs Leide

Die Menschen

Angelika Leide, gemeinsam mit ihrem Mann Hofbetreiberin des „Pferdeland Leide“, Geländerittführerin DWA, Wanderrittführerin DWA Schweiz. Sie begleitet auf Touren und kümmert sich um die Bereiche Haltung, Verwaltung und Buchführung.

Karin Tinkerman, examinierte Krankenschwester, Therapeutin für tiergestützte Therapien, Geländerittführerin DWA, Wanderrittführerin DWA Schweiz leitet die Wanderreitschule und begleitet auf Touren.

Die Pferde

Acht Pferde unterschiedlicher Größe und Rasse gehören zum tierischen Team. Sechs laufen derzeit im Betrieb mit. Die artgerechte Haltung gibt den Tieren ihr seelisches und körperliches Gleichgewicht. Für die Mietpferde gibt es Wander- und Westernsättel, teilweise maßgefertigt.
Die Pferde werden gebisslos geritten und möglichst ohne ständige Einwirkung durch Bein und Zügel. Das Gewicht der Reiter ist aus Rücksicht auf die Pferde beschränkt. Die Pferde können unterschiedliche Reitergewichte bis maximal 95 Kilogramm tragen.

Die Ritte

Angeboten werden unterschiedlich lange Ritte vom kurzen Schnupper-Geländeritt, über Halbtages- und Tagesritte bis zum Mehrtagesritt mit Übernachtung(en). Weiterhin gibt es die Ganz- und Mehrtagesritte „Woanders“. Sie starten nicht am Hof, sondern die Pferde werden mit dem Hänger an einen anderen Ausgangsort gebracht. Die Orte wechseln jährlich und sind außer im Bergischen in den umliegenden Mittelgebirgen und in Holland. Die kleine Wanderreitstation bietet eine Ferienwohnung bis zu sechs Schlafplätzen, einen Aufenthaltsraum mit Ofen, eine kleine Küche mit Kühlschrank und ein Duschbad mit Fussbodenheizung. Gastpferde können gleich daneben auf Gastpaddocks untergebracht werden.

Der Hof

Der Wanderreitbetrieb ist Teil des „Pferdeland Leide“, der Hof von Angelika Leides Ehemann Dietmar. 1972 hat er ihn gebaut. 1995 stieg seine Frau mit ein. Der Vollerwerbsbetrieb nach dem Offen- und Aktivstallkonzept beherbergt rund 80 Pferde in vier Herden. Insgesamt hat der Hof 15 Hektar arrondierte Weidefläche, 30 Hektar Heuwiesen und mehrere tausend Quadratmeter Paddockfläche. Für die Reiter stehen eine Reithalle, ein Sandplatz und ein Roundpen zur Verfügung. Der Zugang zum Reitwegenetz beginnt direkt am Hof.

Treppen - kein Problem für gut ausgebildete Prerde

Außenstehenden ist meist nicht klar, was an Arbeit, Kosten und Sachverstand hinter diesen entspannten Touren zu Pferd steckt. Damit ein Pferd seinen – ihm meist auch noch unbekannten – Reiter sicher und zuverlässig durch die Landschaft trägt, muss es gesund, fit und klar im Kopf sein. Das ist nicht selbstverständlich.
Entscheidend sind zuvorderst Haltungsbedingungen, Futter, gute Ausbildung und angemessene Belastung der Tiere. Dazu gehört auch ein besonders schonender Hufbeschlag, der alle sechs bis sieben Wochen erneuert wird. „Ich bin bereit, für meine Pferde Geld auszugeben, wenn es ihrer Gesundheit gut tut“, sagt Angelika Leide.
Die Wanderreitpferde – und alle weiteren insgesamt rund 80 Pferde – leben draußen, und sie leben in Herden. Offen- und Aktivstall nennt sich das im Fachjargon. „Die Pferde sind durch diese Haltungsform sehr entspannt“, sagt Karin Tinkerman. „Ich glaube, deshalb sind es auch die Menschen.“

Offenstall und Aktivstall – was ist das eigentlich?

Ein Offenstall ist die traditionelle Form der Gruppenauslaufhaltung. Neben viel Bewegung an frischer Luft, Sozialkontakt und ganztägiger Futteraufnahme gibt es (auch überdachte) Ruhe- und Rückzugsmöglichkeiten. Die Pferde leben ganzjährig draußen in der Herde.

Ein Aktivstall ist ein Offenstall-Konzept, das in verschiedene Funktionsbereiche aufgeteilt ist, zum Beispiel Liegehalle, Sandplatz zum Wälzen, Wasserstelle, Rau- und Kraftfutterautomat sowie meistens eine große Koppel. Im Pferdeland Leide liegen die Funktionsbereiche weit auseinander, um möglichst viele Bewegungsanreize zu schaffen. In einer der Gruppen gelangen die Pferde zum Beispiel durch ein einseitig zu nutzendes Tor an der Tränke auf einen fast einen Kilometer langen Weg um die Weiden, der sie zurück zur Herde führt. Bewegung und Beschäftigung im Aktivstall fördern die physische und psychische Gesundheit der Pferde.

Die digitale Welt der Pferde

Wer glaubt, die Digitalisierung mache vor dem Pferdestall halt, der irrt. Das Fütterungssystem ist ausgeklügelt und digital unterstützt. Über ein „Selektionstor“, das seinem Namen gerecht wird, gelangen die Pferde in ihren Heubereich, einen großzügigen Paddock mit Heuraufen. Allerdings nur, wenn der in die Mähne geflochtene Transponder nach dem Auslesen das OK zum Einlass gibt.
„Manchmal stehen sie dort wie beim Drive in“, sagt Angelika Leide lachend. Wann, wie häufig – und beim Kraftfutter auch wie viel – jedes Pferd fressen darf, kann sie am Rechner flexibel einstellen und bedarfsgerecht ändern. „Dabei geht es um unterschiedlichen Bedarf und individuelles Fressverhalten jedes Pferdes, aber auch um die aktuelle Belastung“, erklärt sie. Steht ein längerer Wanderritt an, erlaubt der Transponder häufigeren Zutritt oder größere Portionen.
Die Pferde wissen von all dem nichts. Sie verlassen irgendwann den Heubereich, weil sie trinken wollen. Wer Pech hat, muss – zu seinem eigenen Wohl – beim nächsten Versuch draußen bleiben.

Behutsames Heranführen von Mensch und Pferd

Karin Tinkerman betreibt auch die Wanderreitschule auf dem Hof. Ein Ort für all jene, die sich noch nicht oder nicht mehr fit genug fühlen, um direkt aufzusteigen und stundenlang ins Gelände zu reiten. Behutsam führt sie die Anfänger und Ängstlichen an all das heran, was sie brauchen, um die Ritte sicher zu bewältigen und rundum genießen zu können.
Doch auch die Pferde brauchen ein behutsames Heranführen. So wie Mara, die „Neue“, die ins Wanderpferdeteam aufgenommen werden soll. Sie kommt in ihrem abgesteckten Bereich von außen an die Heuraufe der Herde. So lernen sie sich auf Abstand kennen. „Die Integration ist die größte Herausforderung“, sagt Angelika Leide. Die Pferde müssen sich untereinander in der Herdenrangordnung sortieren, und sie müssen lernen, wie die digitale Welt der Fütterung funktioniert. „Nach 25 Jahren Erfahrung sind wir darin Profis“, sagt Leide.
Die Integration dauert zwischen drei Tagen und drei Monaten. Die Wanderreitpferde werden zudem von einer Trainerin in der Halle gymnastiziert, und von den Reitführerinnen im Gelände ausgebildet. Bis neue Pferde in den aktiven Betrieb aufgenommen werden können, kann es schon mal ein halbes Jahr dauern.

Auf neuen Wegen

Neue Wege erkunden die beiden Frauen heute zunächst mit dem E-Bike. „Das scheut nicht, wenn es mal eng wird oder ein Stacheldraht in Weg ist“, sagt Angelika Leide. Vorbei sind auch die Zeiten, in denen Wanderreiter im strömenden Regen immer wieder die Karte aus- und einpacken, um sich zu orientieren. Ein GPS-Gerät zeigt nicht nur den Weg, sondern dokumentiert auch Kilometer, Zeit und Gelände. Danach kommt der Test zu Pferd. Dieses Jahr zum Beispiel in einer Woche zum Westerwald. Herbergen müssen nicht nur nah am Weg, sondern auch im richtigen Abstand liegen, und sie müssen für Mensch und Pferd geeignet sein.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Mit Vigo in den Alpen

Lohnt sich das alles eigentlich? Die beiden schauen sich an, zögern und dann sagt Angelika Leide: „Würde ich davon leben müssen, würde ich es eher nicht tun. Dann müsste ich mehr Pferde haben und sieben Tage die Woche reiten.“ Doch dann wäre es nicht mehr das, was es jetzt ist.
„Man muss Pferde schon sehr lieben“, sagt auch Karin Tinkerman mit einem Lächeln. Es ist auch diese Liebe zu Pferd, Mensch und Natur und der Harmonie zwischen ihnen, die diesen kleinen Betrieb gedeihen lässt. Wenn die Reitgäste nach der Entdeckung der Langsamkeit in einem völlig anderen Gemütszustand absteigen als sie aufgestiegen sind, bestätigt es immer wieder darin, etwas Richtiges zu tun. „Entschleunigung zu Pferd lautet auch unser Motto“, sagt Angelika Leide. Und da Vigo gerade etwas mit den Ohren zuckt, fügt sie hinzu: „…und mit Muli natürlich.“

Autorin: Karin Grunewald
Fotos: Karin Grunewald und Wanderreiten Leide

Kontakt:
Wanderreiten Leide
Zum Buschtor 3
42799 Leichlingen

E-Mail: info@fe1f95bf79ee4063842d71b6a85d39b2wanderreiten-lei.de
Web: www.wanderreiten-lei.de

0

Kommentare

*WICHTIG: Bitte halten Sie sich beim Kommentieren an unsere Netiquette.
Klicken, um ein neues Bild zu erhalten

Die mit einem * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.

Kontakt

Rheinisch-Bergische Wirtschaftsförderungsgesellschaft mbH (RBW)
Friedrich-Ebert-Straße 75
51429 Bergisch Gladbach

Telefon: +49 2204 9763-0
Telefax: +49 2204 9763-99

Ihr Weg zu uns

In Google Maps öffnen